,

Die Tage unserer Zeit – Ausschnitte

Die Sonne ging schon unter. Der Geruch von warmem Gras nach einem lauen Sommertag lag in der Luft und die Vögel zwitscherten immer noch ganz vergnügt, auch wenn sie nur noch vereinzelt zu hören waren. Es wird ruhiger in der Kleinstadt. Menschen sind in den Gärten mit ihren Freunden aus alten Zeiten, nachdenkend über die gemeinsame Zeit. Und es waren gute Zeiten. Vielleicht waren es die wichtigsten. Wir waren frei und unbeschwert. Was uns kümmerte waren Abgaben oder der nächste Test in der Schule. Der erste Freund, die besten Freunde. Das Leben feiern. Das war unser Leben. Wir waren offen für die Welt. Noch ein paar Wochen Schule und dann die große Freiheit, die sich wie eine Unendlichkeit über alles Bisherige legen wird. Leicht angeheitert vom Wein, das Gras unter den nackten Füßen, die bunten Lichter tanzend über unseren Köpfen. Zwischen all dem kommt er mir wieder in den Sinn. Wie er am Schreibtisch sitzt, in seinem Zimmer unter dem Dach, wo es im Sommer vor Hitze kaum auszuhalten war. Sein Studium bedeutete ihm die Welt. Und er versuchte in der Tat die Welt zu beschreiben. Mathematisch. Er bedeutete mir die Welt. Ein leichter Wind wehte durch die Bäume im Garten von Ella. Da sitzt sie auf einer Bank, wie immer mit einer Flasche Sekt in der Hand und mit zurückgeworfenem Kopf lacht sie, sodass es jeder hören kann. Eigentlich weiß ich gar nicht, wie Ella und ich damals zueinander gefunden haben. Sie kam später in unsere Klasse, nachdem sie mit ihrer Familie aus der Großstadt im fernen Norden zu uns in die Kleinstadt zog. Vielleicht war es genau dieser Gegensatz, der unsere Verbindung war. Sie war losgelöst von allen Regeln und Gesetzen, sie war clever und ehrgeizig. Ich kann mir meine Jugend ohne sie nicht mehr vorstellen. Jetzt sitzen wir hier alle vereint und das konnte Ella gut: Die Leute zusammenbringen. Die Menschen, mit denen wir alle so viele Jahre verbracht haben. Wer von uns hätte sich vorstellen können, wirklich vorstellen können, dass das alles bald in weiter Ferne liegen wird. Da war ein großes Leben vor uns. Für manche war der Weg schon klar. Philo wird Musiker bleiben, das stand schon fest. Er wird ein Leben in der Großstadt haben, Berlin oder irgendwo im Ausland leben. Bei ihm war alles möglich. Und Ella? Sie war nicht immer die stärkste, auch wenn sie versuchte, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Irgendwie hat sie es dann trotzdem geschafft.

Der Bus fuhr schon an uns vorbei, es war nicht mehr weit bis zur Haltestelle und wir rannten so schnell wie wir nur konnten. „Warte, Ella!“, rief ich ihr schwer atmend zu. Sie machte halt und ich fiel ihr um den Hals. „Wir hören uns bald wieder!“ brachte sie schwer atmend heraus. Sie gab mir noch einen Kuss auf die Backe und dann löste sie sich von mir. Sie erreichte den Bus gerade noch rechtzeitig, blickte noch einmal zurück, dann stieg sie mit ihren schweren Taschen ein. Die Tür schloss sich. In meiner Vorstellung konnte ich den Bus mit meiner Ella ewig der Sonne entgegenfahren sehen, die tief am Horizont zu sehen war.

Leave a comment