Bist du noch da?

Wusstest du, dass ich irgendwann über dich schreiben werde? Du wusstest noch gar nichts von mir, eigentlich. Eigentlich hättest du wissen müssen, dass wir uns auf unaussprechliche Weise schon kannten. Es existiert. Es ist beängstigend, aber es ist auch die Wirklichkeit, die du und jeder andere Mensch erleben will. Ich verstehe heute aber auch so viel besser, dass es unangenehm ist, sich zu öffnen. Sich vor der ganzen Welt so zu zeigen, wie man wirklich ist. Habe ich dich verletzt? Ja. Ich weiß. Es war aber wirklich nur zu meinem eigenen Schutz. Und wer hätte gedacht, dass es so kommt, wie es noch kommen sollte?

Was hätte unser Freund Kant wohl gesagt? Ich erinnere mich an deine Worte. Ja, da gäbe es keine Ausnahmen. Aber du warst doch selbst die Ausnahme. Monatelang. Diese eine Ausnahme wolltest du mir aber nicht verzeihen. Die Problematik war äußerst komplex und ich habe mich schon das zweite Mal am Rande des Lebens gefühlt. Es war nicht richtig, es war aber auch nicht abgrundtief falsch. Es gab keine klaren Verhältnisse und plötzlich musste jeder darunter leiden. Da merkt man es erst selbst, oder? Und ich habe auch gemerkt, was Unausgesprochenes anrichten kann. Sowohl Gutes als auch Schlechtes. Misstrauen ist die gefährlichste aller Schwächen. Vertrauen gewinnt immer. Reden hilft.

Ich glaube, ich habe solche Briefe, wie die an dich, noch nie geschrieben. Und ich hoffe immer noch, dass du diesen einen gelesen hast. Er war so viel Wert, so viel wie du.

Bist du noch da?

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